Ben dann mal weg

-Vom Rocker zum Blogger


 Hey, ich bin der Ben.

 

Mit meinem 38 Jahre jungen Leben bin ich im Moment auf der wohl spannendsten Reise überhaupt. Bei mir ging es schon immer etwas turbulent zu, ich hatte kaum eine Phase in meinem Leben, in der ich wirklich das Gefühl hatte angekommen zu sein, doch im Moment glaube ich, es könnte bald soweit sein.

 

Seit fast vier Jahrzehnten auf diesem Planeten habe ich Sachen erlebt, von denen können und wollen die meisten nicht einmal Träumen. Zuletzt zwar – bevor ich den großen Schritt zum Ausstieg gewagt habe – schuftete ich mich in einem Erdenwerk täglich ab. Doch das war nicht immer so. Meine berufliche Laufbahn ist kunterbunt und hätte mir eigentlich irgendwann das Gefühl geben sollen richtig zu sein. Aber auf dieses Gefühl wartete ich vergebens. Egal ob als Rettungssanitäter oder Koch, beim Tauchen oder Pakete ausfahren, in der Telefonhotline oder beim Rettungsschwimmen – alles hat irgendwie Spaß gemacht, mich um viel Wissen bereichert, aber mich dennoch nie wirklich glücklich gemacht. Auch als ich mich verpflichtete und für mein Land gekämpfte, fand ich keine wirkliche Erfüllung. Ich bin einfach kein Mitläufer, absolut kein Fan von blindem Gehorsam und neige dazu lieber meinen Weg zu gehen, als den eines anderen.

Das wurde mir selbst dann beinahe zum Verhängnis, als ich es in einem der größten Motorradclubs der Welt zum Europe Secretary and Treashure geschafft habe. Eine hohe Stellung, die viel Vergnügen aber auch Verantwortung mit sich bringt. Nach einigen Jahren habe ich auch hier festgestellt, dass all die Macht und das Geld zwar sehr verführerisch sind aber auch nicht wirklich glücklich machen. Von den Freiheiten, die einem durch das Leben im Club ermöglicht werden, können die meisten Menschen nur träumen. Dennoch fehlte mir auch hier das Gefühl wirklich anzukommen und richtig zu sein. Die Schattenseiten des Clublebens sprachen mit der Zeit einfach für sich. Viel zu oft gab es Situationen, in denen ich mir nicht sicher war, ob und wie ich sie überstehen sollte. Doch mein eigenes Wohl war nicht meine größte Sorge, damals hatte ich ein Haus mit Frau und Kindern und mitten drin meine beiden Vierbeiner. Wann immer jemand glaubte etwas gegen mich zu haben – da war auch oft die Polizei ganz vorne mit dabei – wurde das Haus auf den Kopf gestellt. In der Regel ohne Voranmeldung und alles andere als vorsichtig. Oft war ich nicht daheim und wusste nicht wie es meiner damaligen Freundin, meinen Stieftöchtern oder den Hunden geht. Genau da hörte dann auch irgendwann der Spaß für mich auf. Denn auch die geschworene Treue im Club wurde oft gebrochen und nur noch wenigen Brüdern begegne ich auch heute noch in Freundschaft. Doch dieser harte Kern ist es, den ich heute noch vermisse und dem ich auch immer noch treu als Bruder und Freund zur Seite stehe. Dazu brauch es jedoch keine Kutte oder einen Rang, nein, entscheidend hierfür sind Charakter und Herz wovon ich behaupten will es zu haben. Also legte ich meine Kutte vor über einem Jahr ab und wagte den Schritt dem Club den Rücken zu kehren.


Meine zweitgrößte Leidenschaft neben dem Motorradfahren ist das Sondeln. Meinen Metalldetektor habe ich im Gegensatz zum Motorrad – welchem ich noch oft nachtrauere – nicht hergegeben. Denn auf der Suche nach der Vergangenheit habe ich unzählige Stunden mit einem Detektor in der Hand auf Äckern und Feldern verbracht. Gemeinsam mit meinem besten Freund begab ich mich fast jede Nacht auf die Suche nach dem großen Schatz. Denn was auf unseren Feldern und Wiesen liegt ist nicht nur Müll, von alten geschmiedeten Nägeln aus dem Mittelalter über Silbermünze aus dem römischen Reich kann man so einiges an verschollener Geschichte wieder aufleben lassen. Doch all die Münzen und wertvollen Stücke Geschichte waren nie das wertvollste für uns. Nein, es waren die Momente, in denen wir einfach nur über das Universum philosophierten und uns in klaren Nächten unter dem Sternenhimmel neu entdeckten. Unzählige Male fragten wir uns nach dem Sinn im Leben und ob es nicht einfach das Beste wäre, alles hinter sich zu lassen und den Einstieg in den Ausstieg zu wagen. Diese Momente, haben mich nie wieder losgelassen und mir schlussendlich den Antrieb zum Ausstieg gegeben.

 

Es war zum Schluss ein großer Spagat zwischen dem Rockerleben und dem Sondlerleben. Oft schien es mir Grotesk diese zwei Seiten in mir zu tragen und ich merkte dadurch auch immer wieder, dass ich einfach noch nicht wirklich angekommen war. Völlig egal wie viel Macht, Motorräder oder Geld ich auch hatte, am glücklichsten war ich mit den Händen in der Erde auf der Suche nach einem alten Stück Metall, das irgendwann einmal vielleicht Teil einer Kette war, die eine Frau von ihrem Mann geschenkt bekommen hatte als Zeichen seiner Liebe. Mein Rockerleben gab ich vielleicht auf, doch meine Begeisterung für alte, verlorengegangene Schätze nehme ich mit an jeden Ort, den wir bereisen.

 

Egal wo es mich in meinem Leben bisher hin verschlagen hat, als Rocker ins Penthouse, als Obdachloser auf die Straße, als Soldat in den Krieg oder als braver Hamster ins Rad, es fehlte mir immer etwas im Leben. Dieses Etwas, kann man nicht in Worte fassen. Es ist eine Art der inneren Unruhe, sich einfach nicht angekommen zu fühlen und den Drang nach etwas Größerem zu haben. In keines meiner alten Leben möchte ich je wieder zurück und auch die 3D Version von Täglich Grüßt das Murmeltier könnte ich mir als Hamster im Rad zweifelsfrei nie wieder vorstellen. Der Ausstieg gab mir die Möglichkeit eine ganz neue Seite der Welt – und auch von mir – kennen zu lernen und mich nun vielleicht auch endlich irgendwann, irgendwo auf dieser Welt an einem Fleckchen angekommen zu fühlen.