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(Neu-)Start ins Vanlife

von Jess

Nature.Impulse - Vanlife freistehen

Nachdem Nature.Impulse nun eine gefühlte Ewigkeit auf Eis lag, starte ich nun wieder voll durch. Die letzte Zeit ist viel passiert und es hat sich einiges verändert. Um allen, die den Reiseblog das letzte Jahr mit verfolgt haben ein kleines Update zu geben habe ich mich gestern endlich mal in Ruhe hingesetzt und zusammengefasst, was die letzten sechs Monate so alles los war auf den zwölf Quadratmetern des Vans.

 

Anfang des Jahres gab es in meinem privaten Umfeld einige Veränderungen und Schicksalsschläge die dazu führten, dass alle Reisepläne erstmal auf Eis gelegt wurden. Aus vielerlei Gründen kam über Pfingsten und Ostern dann einiges zusammen, dass Jens und mich dazu bewegte die schwere Entscheidung zu treffen getrennte Wege zu gehen. Wir saßen lange zusammen, haben uns viel unterhalten und schlussendlich schweren Herzens die Entscheidung getroffen uns zu trennen. Er beginnt demnächst ein Studium – was er eigentlich schon immer wollte – und bleibt sesshaft in Deutschland, während ich mich nach allen Vorkommnissen nochmal aufgerafft bekam und alleine mit dem Van und meinen Vierbeinern endlich loszog um meinen Traum von einem Vanlife zu verwirklichen. Leicht war es aber gerade an diesem Punkt meines Lebens erst recht nicht mehr einen so großen Schritt zu wagen. Ich haderte in Heilbronn noch lange mit mir, selbst als es eigentlich überhaupt keinen Grund mehr dafür gab. Eine sehr gute Freundin nannte mein finales Zögern damals – als wirklich alles soweit war aufzubrechen – die sogenannte Angst vor dem Mut. Da ich dieses Gefühl noch öfter zu spüren bekam die letzten Monate, stimme ich ihr mittlerweile absolut zu. In dem Moment, in dem einem wirklich kein einziger Stein mehr im Weg liegt und der große Traum tatsächlich greifbar ist, begreift man plötzlich was man da eigentlich bescheuertes vorhat und bekommt Angst vor dem eigenen Mut, der dann plötzlich mit einem Mal verschwunden scheint. Dieses Phänomen ist zweifelsfrei Verursacher unzähliger Rückzieher von Leuten, die ihr großes Glück tatsächlich zum Greifen nah hatten und es sich dennoch nicht geschnappt haben.

 

Als ich mich fragte, wie ich gegen diese – nicht zu unterschätzende – Angst vorgehen sollte, meldete ich mich bei der Facebookseite Urlaub gegen Hand an. Durch Zufall stieß ich auf diese Gruppe mit wirklich wahnsinnig toller Community. Die Idee zu jemandem zu gehen, der Hilfe braucht bei diversen Arbeiten im Alltag und einem dafür Kost und Logie sponsert, finde ich wirklich ein tolles Konzept. Ich bereue es auch keine Sekunde diesen Schritt gegangen zu sein. Absolut überwältigt wurde ich von der Anteilnahme der Mitglieder als ich dutzende Antworten auf mein Schreiben bekam, wer mir als erste Etappe meiner Reise ein Plätzchen zu Verfügung stellen könnte. Durch das Setzen eines klaren Zieles hoffte ich den Mut aufzubringen endlich loszufahren und ließ mich von vielen dort in der Gruppe motivieren, die diesen Schritt bereits gegangen waren. Ich war begeistert von der Vielzahl an Angeboten, die ich bekam und konnte mich überhaupt nicht entscheiden wo ich zuerst hinwollte. Doch anstelle einer der zahlreichen Hofbesitzer die mich aufnehmen wollten, lernte ich zu aller erst ebenfalls einen Aussteiger in Spee kennen. Ben. Er wollte ebenso wie ich raus aus seinem alten Leben und rein in die große weite Welt. Auch mit zwei Hunden an seiner Seite war er ebenfalls auf der Suche nach Support, da auch er etwas unsicher war so kurz vor dem großen Schritt raus aus dem Hamsterrad. Wir motivierten uns gegenseitig bei stundenlangen Telefonaten und halfen dem Anderen je seine Ängste auszuräumen. Stundenlang lachten und träumten wir gemeinsam und schließlich kam es so, dass ich als erste Etappe meiner Reise mit dem Van, Ben besuchte und einsammelte. So wagte auch er – zwar etwas zügiger als geplant – den Schritt raus aus seinem alten Leben. Er verkaufte fast sein komplettes Hab und Gut, kündigte seine Wohnung und gab seinen Job auf. Es war nicht leicht, aber auch er hatte wenig in seinem Umfeld an dem er wirklich festhielt, mit Abstand seiner beiden Stieftöchter. An sie wird er – so wie auch ich an meine Liebsten – immer denken, ganz gleich wo auf der Welt wir auch sind. Den Anfang fand unsere Reise aber in Deutschland, als wir gemeinsam zu einem Urlaub gegen Hand Angebot loszogen, weit in den Norden unseres Heimatlandes, und den Versuch wagten uns auf den sechs Quadratmetern des Vans gemeinsam zurechtzufinden.

 

Somit war der Ausstieg geschafft, ich hatte einen scheinbaren Seelenverwanden gefunden, eine wahnsinnig tolle UgH Stelle in Norddeutschland erwischt und war danach auch bereit die große Welt zu entdecken, bevor alles mal wieder komplett anders kam als erwartet. Bei der Urlaub gegen Hand Familie bei der wir waren, lernten wir das Leben im Vertrauen kennen. Die Familie auf dem Hof lebte im Vertrauen darauf, dass alles so kommt wie es kommen muss.
"Man kann das Schlechte nicht abwenden wenn es bereits da ist, sondern sollte das Beste daraus machen."
"Es kommt so wie es sein soll."

"Wenn sich eine Türe schließt, dann öffnet sich eine andere."

– Es gibt viele Redewendungen dafür den Lauf des Lebens anzunehmen und ihm zu vertrauen, doch die Einstellung unserer Gastfamilie finde ich immer noch die Schönste. Ganz besonders wegen der Ironie die sich dahinter versteckt. Denn kaum hatten wir gelernt wie das Leben im Vertrauen funktioniert und versuchten es selbst umzusetzen, stellte uns das Schicksaal so richtig auf die Probe – man könnte fast meinen, regelrecht um unser Vertrauen ins Leben zu prüfen.

 

Angefangen hat alles damit, dass wir vollkommen überraschend den Hof verlassen mussten, auf dem wir geplant hatten den ganzen Sommer und Herbst über zu bleiben. Da die Gastfamilie dort ebenfalls einen privaten Schicksalsschlag erlitt, wurden wir gebeten möglichst schnell abzureisen und kamen dieser Bitte natürlich auch nach. Gerade unserer Gastmutter tat es sehr leid so plötzlich das UgH Angebot zu beenden. Nicht nur uns hatte die Arbeit auf dem Hof einen großen Spaß gemacht, wir waren auch eine große Hilfe für die Familie gewesen. Besonders hart für uns war dabei aber uns nicht von den Kindern der Familie verabschieden zu können. Wir hatten viel Spaß mit den drei Kids gehabt, die uns sehr ans Herz gewachsen sind über die Zeit. Zur Abreise wurden wir dann aber ausdrücklich gebeten bevor die Kinder von der Schule kommen. Auch dieser Bitte kamen wir schweren Herzens zwar nach, haben die Entscheidung aber sehr bereut im Nachhinein.

 

Nachdem wir einige Tage in den Seilen hingen beschlossen wir den Hof abzuhaken und einfach die geplante Weltreise zu starten, mit dem Besuch des Meeres in Holland und Belgien. Frei zu stehen mit dem Van stellte sich am Strand aber als ein Ding der Unmöglichkeit heraus und frustrierte uns jeden Tag mehr. Da die kompletten Küsten von Zäunen und Schranken umgeben sind, kommt man mit dem Wagen einfach nicht in die Nähe des Meeres. Und auch die Menschen die wir trafen und die Städte die wir besuchten waren alles andere als nach unseren Vorstellungen. Die Legalität des Konsums einiger Rauschmittel änderte nichts daran, dass der Plan als Freisteher mit dem Van durchs Land entlang dem Meer zu fahren und etwas Spaß zu haben total in die Hose ging.

 

Dem nicht genug kam wohl der schlimmste Schicksalsschlag überhaupt hinzu, als Müsly durch einen Unfall mit einem Auto vollkommen überraschend von uns genommen wurde. Ich habe heute immer noch – nach über zwei Monaten – jeden Tag das Bild vor Augen, wie sie überfahren wurde. Alles was ich sah und wahrnahm versteckte sich innerhalb von Sekunden hinter einem Schleier aus Tränen und einem unbeschreiblich beklemmenden Gefühl der Hilflosigkeit. Wie im Rausch erinnere ich mich noch immer an die Stunde danach: Wir fuhren sofort zu einem Tierarzt, der uns mitteilte, dass Müsly schon längst Tod sei und wohl nicht gelitten habe. Mit meinem letzten klaren Gedanken informierte ich mich nach einem Krematorium und alles Weitere übernahm dann Ben. Zum Glück – wenn man das überhaupt sagen kann – ist das alles in einem so tierfreundlichen Land passiert, dass wir schnell an ein Krematorium mit wirklich tollen Mitarbeitern kamen. Die folgenden Tage bis zur Einäscherung waren fürchterlich und unbeschreiblich zu überstehen doch kein Vergleich zur Zeit danach. Denn erst nach ein paar Tage ließ der Schock nach und die Realität setzte ein und mit ihr ein Gefühl der Antriebslosigkeit wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Nach diesem Vorfall war kein Vertrauen mehr ins Leben da und wir kamen nach all den Turbolenzen unserer ersten Wochen an unsere absoluten emotionalen Grenzen.

 

Doch wir gaben nicht auf – eine Zeit lang hauptsächlich Ben. Er brachte die nötige Stärke und den Antrieb auf, weiter zu machen und mich in meiner tiefen Trauer und Antriebslosigkeit zu unterstützen. Alleine wäre ich daran sicherlich zerbrochen, doch gemeinsam mit Ihm entwickelte ich langsam wieder die Stärke auch diesen unerbittlichen Schicksalsschlag zu überstehen. Doch ich brauchte lange um mich wieder zu fangen. Wochen vergingen in denen wir mit dem Van nur irgendwo rumstanden und einfach nicht wussten wie es weiter gehen soll. Müsly war mein Ein und Alles gewesen und einer der Hauptgründe für meinen Ausstieg. Sie war immer an meiner Seite gewesen und alles was ich nach ihrem Tod noch hatte war ein gemischtes Gefühl aus Verzweiflung sie verloren zu haben und Hilflosigkeit alleine zurückgeblieben zu sein. Ich entwickelte ein Gefühl der Teilnahmslosigkeit, dass mir gelegentlich selbst angst machte. Korny konnte ich kaum ansehen die ersten Wochen geschweigeden etwas mit ihm unternehmen. Es schien einfach nicht besser zu werden und das Verständnis von Ben wurde zunehmend weniger, da auch seine Nerven stark strapaziert waren. Nach fast einem Monat schließlich kam auch er an seine Grenzen und machte mir mit letzter Kraft in einem unvergesslichen Moment klar, dass wir einen großen Traum hatten den wir uns nicht nehmen lassen sollten. Er holte mich aus diesem tiefen dunklen Loch heraus, nahm mich bei der Hand und leuchtete uns einen Weg. Einen Weg den ich mit ihm begann zu laufen. Er war unwahrscheinlich steinig und brachte uns eine Zeit lang tag täglich zum Stolpern und Fallen, doch wir standen immer wieder auf und liefen ihn gemeinsam weiter.

 

Nach einiger Zeit griffen wir wieder auf Urlaub gegen Hand zurück und starteten mit einem neuen Angebot schlussendlich durch. Wir durchfuhren Deutschland und machten uns auf in den Süden. Sommer Sonne und Meer sollten uns etwas ablenken und neue Kraft geben. Ich fing mich langsam wieder, jeden Tag ein bisschen mehr, und ein wahnsinnig tolles Angebot führte uns schließlich vollkommen überraschend und ungeplant nach Kroatien, wo wir beide nun im Moment stecken. Seit sechs Wochen genießen wir hier den Sommer und pendeln uns langsam (wieder) ein. Das Leben im Vertrauen haben wir uns schon wieder ein Stück zurückgeholt und leben nun auch seit der Ankunft bei unserer Gastfamilie im Süden – ohne jeden weiteren Plan – in jeden Tag aufs neue hinein um unseren Ausstieg endlich fühlen zu können.

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Kommentare: 1
  • #1

    Mira mit Buddy (Montag, 16 September 2019 21:45)

    Hallo meine Liebe, traurig zu lesen, was dir alles passiert ist � tut mir sehr leid. Aber du hast sehr viel Mut gezeigt, nicht aufzugeben. Der Verlust deines Vierbeiner 's schmerzt auch mich. Ich wünsche dir / euch ganz viel Kraft und neue Energie und für die weitere Zeit positive und schöne Erlebnisse, die dir den Glauben stärken und du schöne Dinge erleben wirst. Drück dich und die Hundis ganz lieb aus der Ferne ❤️�❤️