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UgH auf dem Hof in Sachsen Anhalt

Zwischen Wiesen und Pferden erkennen wir was wirklich zählt

Nature.Impulse -Urlaub gegen Hand

Von all den unzähligen Angeboten die ich auf meine erste Anfrage in der „Urlaub gegen Hand“-Gruppe damals bekommen habe, entschied ich mich tatsächlich für Sachsen Anhalt, ja. Um zu erklären warum ausgerechnet ein Angebot aus Sachsen meine erste Entscheidung wurde – die ich im Nachhinein für die bisweilen Beste meines Lebens bezeichnen würde – muss ich etwas weiter ausholen.

 

Die Angebote, die ich über die Plattform bekam, reichten von Andalusien bis an den Nordkap. Ich bekam Haussitting direkt am Strand bis hin zu Schlittenhundetraining unter Polarlichtern in Aussicht gestellt. Doch unter all den Angeboten bekam ich auch – neben sehr viel Support den Schritt in den Ausstieg zu wagen – einige Nachrichten von Mitgliedern, die ebenso wie ich kurz vor dem Ausstieg standen und raus aus dem System wollten. Einer dieser Teilnehmer sprach mir, mit seinen damaligen Lebensumständen, direkt aus dem Herzen und wir intensivierten den Kontakt von Facebook auf Whatsapp. Ziemlich schnell war uns auch das zu fremd und wir verabredeten uns zu einem Telefonat. Aus einem Gespräch wurden zwei, aus zwei Stunden wurden vier und wir merkten immer mehr und mehr, wie ähnlich wir uns doch waren. Die Neugierde sich kennen zu lernen wuchs und als wir feststellen, dass wir auch noch im selben Bundesland zuhause waren, stand einem Treffen so gut wie nichts mehr im Weg. Ein Wochenende verbrachten wir gemeinsam und unterstützen uns dabei auszusteigen. Wir nahmen uns die Angst vor diesem großen Schritt und bestärkten uns darin kein Wert auf die Worte der Zweifler in unserem Umfeld zu legen. Doch selbst als wir uns noch gegenseitig motivierten unsere Träume zu verfolgen, merkten wir bereits, dass diese sich änderten. Ben brachte es nicht mehr fertig seinen Flug nach Gran Canaria zu buchen um dort bei einer großen Tierschutzaktion mitzuhelfen und ich schaffte es einfach nicht mehr guten Gewissens abenteuerlustig nach Schweden loszuziehen. Wir beide machten – jeder für sich – einen Kompromiss mit uns selbst. Ben wollte noch einige Monate weiter in seiner Arbeitsstelle bleiben um noch etwas Geld anzusparen und ich wollte mir erstmal die tolle Ranch in Sachsen Anhalt als erstes "Urlaub gegen Hand" -Angebot anschauen.

 

So landete ich also auf einem Hof mit sieben Pferden, zwei Hunden, zwei Katzen und drei Kindern von unwahrscheinlich netten Gasteltern. Der Van stand direkt auf dem Gelände neben dem Haupthaus, in welchem ich ein- und ausgehen konnte wie ich wollte. Vom ersten Tag an aufgenommen wie ein Familienmitglied durfte ich nicht nur, sondern sollte mich auch frei bewegen in Küche, Bad, Wohn- und Esszimmer. Die Kinder waren UgH’ler bereits gewohnt und genau so freundlich, neugierig und offenherzig wie ihre Eltern. Es wurde zusammen gekocht und gegessen, geputzt und aufgeräumt. Ich unternahm zudem Ausritte mit der Gastmutter und bekam ein wahnsinnig tolles Pflegepferd übergeben. Als leidenschaftliche Westernreiterin war es ein Traum für mich mit derart sensibilisierten Privatpferden so eng zusammenarbeiten zu können. Ich wurde im Horsemanship unterrichtet und bekam die Teilnahme an einem Seminar in Aussicht gestellt.
Am Kühlschrank durfte ich mich – so wie alle anderen auch – frei bedienen und jede Woche vor dem Einkaufen wurde ich gefragt ob ich auch etwas benötige. Selbst ein Zimmer wurde mir zur Verfügung gestellt für den Fall, dass es mir im Van einmal zu kalt werden würde. Meine Hunde wurden ebenso herzlich wie ich aufgenommen und alles in allem, fühlte ich mich bereits nach wenigen Tagen einfach nur pudelwohl. Beim Säubern der Koppeln und Ställe halfen mir fast jeden Tag die Kinder, mit denen ich lachend und singend den Vormittag verbrachte. Ich nahm die Kids mit zu Spaziergängen und kleineren Ausflügen. Die Gastmutter hatte stets ein offenes Ohr für mich und stand mir immer mit Rat und Tat zur Seite.

 

Es dauerte nicht lange, da kam dann auch Ben ins Gespräch. Es verging kein Tag an dem ich nicht mit ihm schrieb oder telefonierte und ihm vor schwärmte wie schön es dort sei. Jeden Tag mehr bekam er den Wunsch doch früher seinen Job aufzugeben und endlich auszusteigen. Nach fast drei Wochen schließlich vermissten wir uns auch immer stärker und merkten, dass wir doch mehr geworden waren als nur gute Freunde. Kurzer Hand kam dann auch noch die Gastmutter auf mich zu und fragte, ob es für Ben denn möglich wäre in den Norden hoch zu kommen. Sie würden auf dem Hof sowieso noch Hilfe gebrauchen und gegen einen zweiten Urlaub gegen Handler würde von ihrer Seite aus nichts sprechen.

 

Diese Chance ergriff Ben dann schließlich und nutzte sie als Sprungbrett raus aus seinem alten Leben. Wie er das genau geschafft hat und was für ein langer Weg das - für uns beide – war, könnt ihr ausführlicher hier nachlesen. Kurz um kam ich ihn aber schließlich aus Baden-Württemberg abholen und gemeinsam starteten wir auf dem Hof in Sachsen Anhalt als UgH'ler noch einmal richtig durch. Es wurde ein Plan aufgestellt für die Renovierung einer alten Scheune und wir wurden in die wöchentlichen Abläufe integriert. Auch Ben fühlte sich aufgenommen und willkommen und genoss es in vollen Zügen, abends unter den Wahlnussbäumen auf der Veranda zu sitzen und mit dem Gastvater ein Bier zu trinken. Wir schmiedeten Pläne für den Herbst und wurden eingeladen gerne auch über den Winter zu bleiben. Wir bekamen sogar die Aussicht auf einen kleinen Nebenverdienst gestellt und waren einfach nur begeistert bei unserem ersten "Urlaub gegen Hand"-Angebot gleich an so tolle Menschen geraten zu sein. Die Gasteltern brachten uns sehr viel bei über eine leichtere Lebenseinstellung und über das Leben im Vertrauen darauf, dass alles so kommt, wie es kommen muss.

 

So nahmen wir es auch verhältnismäßig gelassen hin, als wir eines Morgens gebeten wurden zu fahren. Die gelegentlichen Streits des Paares haben wir – an unseren eigenen Auseinandersetzungen gemessen – für normal erachtet und uns nichts weiter dabei gedacht. Doch schließlich beichtete uns die Gastmutter, dass sie einige Probleme mit Haus und Hof hatten und über vieles organisatorische im Bezug auf ihre Zukunft und ihr Leben nachdenken müssten. Sie hätten sich nun dazu entschieden dies lieber ohne UgH’ler im Haus zu klären und müssten uns daher schweres Herzens bitten zu fahren.

 

Damit endete unsere erste "Urlaub gegen Hand"-Erfahrung ziemlich abrupt und wir gaben uns größte Mühe das neu erlernte Leben im Vertrauen sogleich auch anzuwenden und zu schauen, was das Leben noch so für uns bereithält. Und eins war für uns nach dieser Zeit zweifelsfrei klar: Wir reisen gemeinsam weiter.

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