Zur Regenbogenbrücke - Wenn die Trauer zu groß ist

Der Moment, in dem sich etwas ändern muss


Mázli, die friedlich vor sich hin döst

Ich schicke diese Gedanken zu meinem Seelenhund Mázli auf die Regenbogenbrücke. Vor Kurzem habe ich damit begonnen Trauerbücher zu lesen und mich das erste mal nach sechs Monaten mit dem Verlust meines geliebten Vierbeiners Mázli zu beschäftigen. Heute beginnt mal wieder einer dieser Tage. Ich wache auf und muss sofort an meinen Seelenhund Mázli denken. Wie seit zwei Monaten, die wir jetzt bald in diesem Haus sind, schaue ich aus der großen Fensterfront, raus in den Garten. Es sieht so trostlos aus, wie schon bei unserer Ankunft. Der große Kirschbaum verdeckt mit seinen kahlen Ästen über den Tag hinweg den grauen Himmel hinter den alten, heruntergekommenen Häusern der Straße. Ich höre aus der Ferne wieder Straßenhunde bellen und verspüre einen kurzen Anflug von Hunger. Hunger, so etwas habe ich nur noch sehr selten in letzter Zeit und auch nur dann, wenn mein Körper wirklich keinen Bock auf die ungewollte FdH-Diät hat, die sich schnell einschleicht, wenn man das Gefühl von Hunger nicht mehr verspürt. Selbst als das Grau des Himmels sich zum Sonnenaufgang für ein paar Minuten öffnet, um seine ganze Farbenpracht zu zeigen, wird meine Stimmung nur geringfügig aufgeheitert. Ich habe keine Ahnung, was der Auslöser für solche Momente ist, die ich Hunderte Male erleben kann, bis sie mich triggern, aber heute Morgen ist wieder so ein Moment. Ich versinke in Gedanken. Gedanken darüber, wie der Sonnenaufgang in meiner letzten Wohnung aussah, wie ich morgens in Eiseskälte spazieren gehen musste vor der Arbeit und den blutenden Himmel von den Feldern Heilbronns aus bestaunt hatte. Es sind nur wenige Minuten, bis die prächtigen Farben verblassen und der Himmel seine gewohnt graue Tagesfärbung einnimmt. Ich habe gar nicht bemerkt, wie meine Gedanken abgeschweift waren und mich runtergezogen haben. Erst als ich meinen Blick von der Fensterfront nehme und ihn belanglos durch den Raum schweifen lasse, wo er an der alten Truhe im Eck hängen bleibt, werde ich mir klar darüber, was gerade passiert. Die Truhe ist leer. Das ist nichts Tragisches, doch es bedeutete, dass die ganzen Ochsenziemer, welche gestern noch darauf lagen, weg waren. Nur eine Sekunde dauert es, da erkenne ich die Ziemer im schwachen Morgenlicht oben auf dem Schrank neben der Truhe liegen. Ben musste sie gestern nach oben gelegt haben, damit Kondi sich nicht heimlich einen klauen konnte. Doch an diesem Gedanken halte ich nicht fest, sobald mein Kopf registriert, dass alle Ziemer da sind, wandert mein Blick sofort zurück zu der alten Truhe. Ich starre in die Leere, an der gestern noch die Ochsenziemer lagen und mit einem mal kommen die Flashbacks. Ich sehe meinen Hund Mázli vor mir, wie sie morgens über die Wiesen rannte und den gefrorenen Tau an ihren langen Brusthaaren hängen hatte. Ich bekomme ein Bild vor Augen, wie sie gemütlich auf dem dunkelroten Teppich meiner letzten Wohnung lag und genüsslich einen Ochsenziemer kaute. Ich kann die Zufriedenheit spüren, die sich immer in mir ausbreitete, wenn ich meinen Seelenhund so glücklich sah. Mit einem Mal spüre ich die Kälte des alten Hauses und wünsche mir die Wärme meiner letzten Wohnung zurück. Ich sehe Mázli über den Teppich flitzen und freudig in der Küche frühstücken. Die Erinnerung daran kommen zurück, wie sie mit Kondi über die Wiesen rannte und ihn zum Spielen motivierte. Wie eine Schneekönigin freute sich meine vierbeinige Begleiterin immer über die erste weiße Schicht Schnee auf dem harten, gefrorenen Boden im Winter. Mich überkommt ein Schmunzeln bei dem Gedanken daran, wie glücklich sie in all diesen Momenten gewesen war. Doch genau in dieser Sekunde schießen mir auch die Tränen in die Augen und ich werde zutiefst traurig.


Es sind nur winzig kleine Fetzen, Sekunden von Erinnerungen, Momentausschnitte, so kurz, dass sie sich unbemerkt an meinem Abwehrsystem vorbeischleichen können. Eigentlich vermeide ich solche Gedanken. Sie werfen meine Gefühlswelt durcheinander, überfordern mich mit einer Flut von Traurigkeit und Einsamkeit und machen mich derart wehrlos und hilflos, dass ich irgendwann beschlossen habe, mich davor zu schützen, indem ich alle Gedanken und Erinnerungen an meinen verstorbenen Vierbeiner komplett abwehre. Ganz vorne dran natürlich die von ihrem Tod und den Sekunden davor, beziehungsweise danach. Diese Erinnerungen folgen nämlich immer und unausweichlich auf alle schönen Gedanken, die ich über Mázli habe. Ich spüre Kondi an meinen Beinen zucken. Er wird auch langsam wach und bringt mich sogleich wieder hinaus aus dem aufkommenden Strudel, der dabei war mich bereits am Morgen in die Tiefe zu reisen. Fast schon brachial packe ich Kondi an den Vorderbeinen und zerre ihn über meine Beine zu meiner Brust. Willenlos wie immer lässt der kleine Knirps es über sich ergehen und schläft sogleich auf meinem Körper weiter. Derart friedvoll und kompromissbereit lässt er meinen Willen über sich ergehen, dass es mir bereits schon wieder unendlich leidtut, ihn so angepackt zu haben. Ich will ihn an meiner Seite haben und spüren. Er sollte nicht für mich da sein – das war unfair. Unfair, wie auch so einiges anderes, was ich ihn hatte spüren lassen über die letzten Monate, ohne, dass er etwas dafür konnte. Doch meine Gedanken und Gefühle überkamen mich so oft unvorbereitet. Unkontrolliert nehmen sie mich ein und dann hat Logik keinen Platz mehr, bis der Verstand wieder einsetzt. Langsam beginne ich Kondi zu streicheln, ich spüre seine Wärme und das weiche Fell seiner Ohren. Ich höre auf seinen schweren Atem und Blicke ihm direkt in die Augen, die er halb geöffnet hat. Er wirkt glücklich. Verschlafen schaut er mich an und scheint die unerwarteten Streicheleinheiten zu genießen. Aber es lenkt mich nicht lange ab ihn zu streicheln, schnell kommen die Gedanken wieder. Doch dieses Mal lasse ich mich nicht davon übermannen. Ich will sie nicht und verdrängte sie augenblicklich. Die nächste Ablenkung kommt sogleich, als Ben sich im Bett neben mir zur Seite dreht und grummelig die Decke über den Hals zieht. Ich sehe zu ihm hinüber. Auch er scheint friedvoll zu schlafen. Als ich damit beginne ihn genauer zu betrachten muss ich lächeln, ich stelle mir vor, wie zufrieden er da wohl vor sich hinträumt am frühen Morgen. Ich erinnere mich an seine Worte. Er will, dass ich immer zu ihm komme, wenn es mir schlecht geht. Ich soll die Trauer immer zulassen, wenn es geht. Nichts soll ich mehr verdrängen, das ist schlecht. Mit allem auseinandersetzten, bewusst, darauf haben wir uns geeinigt, wobei geeinigt schon sehr positiv ausgedrückt ist. Die Realität sieht vor, dass ich mich unter seinem wachsamen Blick und Gespür seit Kurzem dazu zwinge all die Trauer zuzulassen und nichts mehr verdränge. Ich wende meinen Blick ab von Ben und beginne, weiter Kondi zu streicheln, die Firewall langsam ein klein wenig runter zu fahren und zu spüren, was da auf mich zukommt. Ich nehme mit einem Mal wieder die Unzufriedenheit darüber war, dass Kondi lebte und mein Seelenhund Mázli dieses Privileg nicht mehr gegeben war. Doch ich weiß, wie unfair dieser Gedanke ist und bevor sich der altbekannte Hass ausbreiten und auf den kleinen schlafenden Knirps übertragen kann, blocke ich das Gefühl ab. Er ist Schwachsinn, das weiß ich. Im nächsten Moment überkommt mich unglaubliche Schuld und Mitgefühl. Schuld darüber Mázlis Tod nicht verhindert zu haben. Schuld über Kondi so schlimm zu denken. Schuld darüber ihn vernachlässigt zu haben und Mitgefühl ihm gegenüber, den ich doch so liebe. Ich lasse alle Gefühle zu. Sie haben ihre Daseinsberechtigung und dürfen meine Gedanken passieren, nur festhängen sollen sie sich nicht. Doch ich weiß, wenn ich die Kontrolle verliere, ist Ben da. Er muss mich dann herausziehen aus den Fängen meiner Gefühle. Ich wüsste nicht, wie ich ohne ihn an meiner Seite solche Momente überstehen würde. Weiter beginne ich Kondi zu streicheln und sein Fell unter meinen Finger zu spüren. Ich schmuse und liebkose ihn und schenke ihm Aufmerksamkeit, um mein Gewissen zu beruhigen, ihm etwas Gutes zu tun und um überhaupt etwas zu tun. Heute habe ich „Glück“ – auch wenn das ebenso schwachsinnig formuliert ist – die Gedanken und Gefühle reisen mich nicht weiter runter, ich kann mich in Ruhe hinsetzen und das aller erste Mal schreiben, diesen Text. Ab jetzt will ich das öfter machen, um mich ganz bewusst mit meiner Trauer auseinanderzusetzen und nichts mehr zu verdrängen. Ich will es schaffen wieder echte und tiefe Freude über mein Leben zu empfinden und Kondi wieder von ganzem Herzen annehmen, ohne Schuldgefühle. Ich will es schaffen, aus tiefster Überzeugung heraus anzunehmen was mit meinem Seelenhund Mázli passiert ist und lernen mit der Trauer in mir zu leben. Dieses überwältigende Gefühl, dass mich so überfordert und einnimmt, will ich annehmen und zu dem Bewusstsein umwandeln, dass es nie so stark geworden wäre, hätte ich meinen verstorbenen Vierbeiner nicht über alles geliebt. Nur wo liebe ist, kann Trauer entstehen und bei der Stärke meiner Trauer, war meine Liebe zu Mázli derart groß, dass ich mir nichts vorzuwerfen habe und wahrhaben sollte, welch riesen Glück es war, mindestens genauso stark und bedingungslos von meinem Seelenhund geliebt worden zu sein.

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